DGÄ

Der folgende Text von Josef Früchtl erschien am 28. Februar 2025 in der FAZ anlässlich ihres 90. Geburtstags. Aus Anlass ihrer Ehrenmitgliedschaft möchten wir kurz nach ihrem 91. Geburtstag noch einmal daran erinnern:

 

Ästhetik ist nicht die Paradedisziplin der Philosophie. Nachdem sie sich Mitte des 18. Jahrhunderts als eigenständige Disziplin etabliert hat, widmet man sich ihr allenfalls, wenn die Grundmauern eines philosophischen Systems bereits errichtet sind. Erst müssen die Fragen beantwortet sein: „Was können wir überhaupt wissen?“ und „Was sollen wir moralisch tun?“, im 20. Jahrhundert darüber hinaus: „Wie verstehen wir Sprache (in der wir über philosophische Probleme sprechen)?“ Dann erst kann man sich den verbleibenden Fragen zuwenden. Dementsprechend gilt die Ästhetik lange Zeit als ein altprofessorales Hobby und Orchideenfach für aparte Geisteswissenschaftler.

Freilich scheren verschiedene Denkrichtungen aus dieser akademischen Alltagswelt aus. Beginnend mit dem deutschen Idealismus und der Romantik, als die Kunst vorübergehend zum „Spiegel“ der Philosophie erklärt wird, führt eine Traditionslinie genialer Außenseiter und eigensinniger Denker von Nietzsche zu Heidegger und Adorno, um in unseren Tagen in eine ebenso poppige wie erfolgreiche Postmoderne einzumünden, welche die Ästhetik von einer randständigen Disziplin zum großflächigen „ästhetischen Denken“ ausweitet.

Brigitte Scheer gehört in der deutschsprachigen Philosophie zu dem ehedem kleinen, inzwischen erfreulicherweise größeren Kreis, der in der Ästhetik zuhause ist. Geboren 1935 in Essen zählt sie zu der Generation, die die Bombenangriffe der Alliierten während des Zweiten Weltkriegs noch erlebt hat, auch jene Nachkriegsjahre, in denen ein eigener Garten mit Kartoffeln das karge Leben erleichterte. Die Abenteuerromantik anderer Ruinen- und Granatsplitterkinder ist ihr fremd, nicht dagegen die Erfahrung, früh dem Ernst des Lebens gegenüberzustehen.

Als sie Mitte der 1950er Jahre im nahegelegenen Köln ihr Studium in Philosophie, Kunstgeschichte und Anglistik für das Lehramt begann, war es der noch in Königsberg promovierte Bruno Liebrucks, der die Begeisterung für die Philosophie entfachte. Da er 1959 in Frankfurt eine ordentliche Professur angeboten bekam, folgte Scheer ihm zusammen mit anderen Schülern in die Stadt am Main. Im Herrenclub um den geschätzten Professor war sie die weibliche Ausnahme. Liebrucks begann zu jener Zeit sein mehrbändiges Hauptwerk über „Sprache und Bewusstsein“ auszuarbeiten, eine vor allem durch die großen deutschen Denker Kant und Hegel geprägte Variante des „linguistic turn“, der durch die Analytische Philosophie berühmt wird. Was wir Welt oder Wirklichkeit nennen, hängt demnach von der Sprache oder dem Zeichensystem ab, das wir gebrauchen.

Die Leistung der philosophischen Ästhetik auf der Folie der Sprache zu denken, ist in der Folge ein leitendes Anliegen von Scheer, die Sprachlichkeit der Künste ein fortwährendes Thema. Freilich verknüpft sie es nicht mit dem großen systematischen Anspruch ihres Lehrers. Der heroische, man muss hinzufügen: männliche Gestus philosophischer Systemschöpfer erscheint ihr aus gutem Grund als überlebt. Die Ästhetik muss bescheidener auftreten, hat aber dann immer noch etwas zu sagen. Vor allem muss sie sich in durchgehender Korrespondenz mit der Erkenntnistheorie und der Moralphilosophie ausformulieren. In dem Buch „Einführung in die philosophische Ästhetik“ (1997) hat Scheer dafür ein Beispiel gegeben.

Als sie 1972 in Frankfurt eine Professur erhielt, war das für all jene ein Gewinn, die in der Stadt seither philosophisch in die Schule gingen. Denn nach Adornos Tod 1969 war das Fach der Ästhetik am Institut der Philosophie verwaist und Scheer die einzige Lehrkraft, die kontinuierlich Seminare zu dieser Thematik anbot. So konnte man sich Semester für Semester durch die entsprechende Tradition arbeiten, angeleitet von einer zurückhaltend wirkenden Pädagogin, die auf philologisch genauer Lektüre und hermeneutisch umgreifendem Textverständnis bestand. Zu ihrem 90. Geburtstag (am 2. März) kann man nur dankbar und freudig gratulieren.