Foto: Yann Kämpf
Fremdheit macht sich auch im Bereich der Sinne geltend in Form von Abweichungen, Störungen, Beunruhigung, von Gegenrhythmen, blinden Flecken, Echowirkungen […]. Sofern das Unsichtbare, Unerhörte, Unbegehbare, Unsagbare […] den Spielraum unserer eigenen Möglichkeiten sprengt, begegnen wir Fremdem, das nur in der erfinderischen Antwort der Sinne in seiner Unzugänglichkeit zugänglich wird.
(Waldenfels, Sinnesschwellen [1999], S. 14f.)
Mit Bernhard Waldenfels verliert die Philosophie eine der prägendsten Stimmen der Phänomenologie — und die Ästhetik einen Denker, der ästhetische Erfahrung in ihren vielschichtigen Modi erschlossen hat. Sein Denken hat maßgeblich dazu beigetragen, Erfahrung als Bewegung zu begreifen, in der Wahrnehmung, Leiblichkeit und Bedeutung verschränkt sind. Gegen jede Vorstellung einer Autonomie der Kunst insistierte Waldenfels auf dem pathischen Charakter von Erfahrung, und damit auf Widerfahrnissen, die uns affizieren, bevor wir sie benennen und einordnen könnten. An künstlerischen und ästhetischen Objekten allgemein wird besonders nachvollziehbar, was Waldenfels mit dem ‚Anspruch‘ meint, der sich an uns richtet, und dem wir doch in unserem Antworten nie ganz gerecht werden können.
Viele Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik sind von seinem ‚responsiven‘ Denken nachhaltig beeinflusst worden. Die DGÄ würdigt Bernhard Waldenfels als einen Philosophen, der das ästhetische Denken bleibend geöffnet hat: hin zu den vielen Schwellen, den Bruchlinien und dem Zwischen, die auch jeden künstlerischen Ausdruck tragen. Zwar sucht man eine systematische Ästhetik in seinen über 30 Monographien umsonst, dafür sind ästhetische Motive allgegenwärtig und stecken gleichsam – um hier Lessings Ausdruck zu bemühen – eine Aesthetica in nuce ab. Nur konsistent ist es dann, dass Waldenfels’ Werk analog zu seiner „Ethik in statu nascendi“ auch eine Ästhetik in statu nascendi bereithält, was etwa in folgenden Büchern augenfällig wird: Sinnesschwellen. Studien zur Phänomenologie des Fremden 3 (1999); Spiegel, Spur und Blick. Zur Genese des Bildes (2003); Sinne und Künste im Wechselspiel. Modi ästhetischer Erfahrung (2010).
Am 23. Januar 2026 ist Bernhard Waldenfels in München verstorben.
Wir verweisen gerne an dieser Stelle auf ein aufgezeichnetes Gespräch vom Fachkongress 2021 zu Ästhetik und Erkenntnis, in dem Jörg Sternagel Bernhard Waldenfels zu seinem Verhältnis zur Ästhetik befragt: https://www.youtube.com/watch?v=SAGl4blfTuk
